Du bist #EchtMutig – Heike Jutta Tharun von Heikes Heimatwandern

 

Die Heike finde ich richtig, richtig cool!

Ich durfte Heike kennen lernen im Rahmen meiner eigenen Ausbildung zum SportMental Coach. Meine beiden Mentoren Petra und Arne von „Steinadler Seminare“ vermittelten den Kontakt, so dass ich bei Heike im Herbst 2016 hospitieren durfte bei einem ihrer Höhenangst-Kurse am Oberen Mittelrhein.

Poooah, und das war so gut zu sehen in der Praxis, was man damals selbst lernte mit „Hirn & Körper“ und gleichzeitig das eigene Bewusstsein für das Zusammenspiel von Gefühlen, Gedanken & Spüren zu schärfen. Mich selbst hat das Beobachten und Üben total weiter gebracht, denn ich durfte selbst gelingende Erfahrungen sammeln mit meiner eigenen SportMental Coaching Professionalisierung. So merkte ich: Wow, ich kann’s und es macht mir total Spaß so zu arbeiten. Ja.., es ist meins. Das genau will ich tun.

Heike bezeichnet sich selbst als Kreuz- und Querwanderin, gibt Kurse zum stressfreien Wandern bergauf & bergab und zur Überwindung von Höhenangst.  Außerdem kannst du bei ihr lernen mit Karte und Kompass umzugehen, so das du eigene Wege ohne Orientierungsstress genießen kannst.

 

 

Nun, meine Fragen an Heike Tharun – die Heimatwanderin:

 

Liebe Heike,

Bist du schon mal in eine Situation gekommen, wo du beim wandern in eine ziemlich brenzlige Situation gekommen bist? Etwas, wo du heute denkst: Das passiert mir nie mehr wieder? Wie bist du damit umgangen? Was hat diese Situation bei dir bewirkt?

Ja. Im Tannheimer Tal bin ich vor Jahren an einer Stelle am Berg in die volle Blockade geraten. Nach einem steilen, kräftezehrenden Steig verlief der Weg weiter unmittelbar an der Kante einer 800 Meter hohen Felswand entlang. Am Übergang vom Steig auf diesen Pfad bin ich hängengeblieben: alleine (mein Mann war vor gegangen), hilflos, ich wusste nicht was noch kommt, Tränen, Hinhocken… das ganze Programm. Irgendwie ist es mir gelungen via Handy meinen Mann zu erreichen, er kam zurück und zusammen haben wir es dann gepackt.

Nach diesem Erlebnis war klar: So kann es nicht weitergehen. Und das heißt bei mir immer: Was kann ich selbst tun, um das Problem zu lösen?! Durch Recherche bin ich auf einen praktischen, erfahrungsorientierten, physiologischen Ansatz gestoßen, mit Angst umzugehen. Auf diese Weise habe ich meine Höhenangst in Eigenarbeit in den Griff bekommen.

Und letztendlich verdanke ich diesem traumatischen Erlebnis im Tannheimer Tal meine Ausbildung zur SportMental-Coach und dass ich meine Berufung entdeckt habe: Aus eigener Erfahrung heraus und mit Wissen über physiologische und neurobiologische Zusammenhänge helfe ich heute anderen Menschen, unter anderem ihre Höhenangst beim Wandern in den Alpen und Mittelgebirgen und in anderen angstauslösenden Situationen in den Griff zu bekommen und neue Wege zu erobern und zu entdecken.

 

Du stehst mit beiden Beinen mitten im Leben und in deiner Selbstständigkeit. Für mich bist du ganz klar #EchtMutig. Was braucht es deiner Meinung nach, um deine Power und deinen Mut zu transferieren, damit du zuversichtlich in die Berge gehen kannst?

Ehrlich gesagt ist es bei mir andersherum: Ich generiere durch Wandern die Kraft und den Mut, die ich dann in den Alltag und das berufliche Tun mitnehme.

Was braucht es dazu? Meiner Erfahrung nach: aktives Tun und praktische Erfahrung. Rausgehen, sich Herausforderung stellen, Erfahrung sammeln, aus diesen Erfahrungen lernen; draußen in der Natur, im eigenen Rhythmus, mit Kopf und Körper, das ist der Nährboden auf dem ich wachse und mich weiterentwickele. Der Transfer in andere Lebensbereiche passiert dann ganz von alleine.

Was genau macht dir an einem Klettersteig Angst? Was traust du dir nicht zu und warum?

Ein Klettersteig macht mir keine Angst. Ich bin schon als Kind geklettert. Kleine Felsen und Bäume hoch. Als Erwachsene mache ich kurze, leichte Klettereien auf Steigen in den Allgäuer Bergen. Mit alpinen Klettersteigen habe ich noch keine Erfahrung. Ich bin mir aber ziemlich sicher: Das Klettern im Fels hoch und runter wäre kein Thema. Die entsprechenden Muckis vorausgesetzt.

Meine Problemzonen beim Bergwandern waren Grate, wo es rechts und links steil und felsig runtergeht. Da wird mir schwindelig. Genau da vermute ich auch beim Klettersteig meine Grenzen. Aber auch da bin ich inzwischen recht zuversichtlich. Vor Augen schwebt mir konkret der Hindelanger Klettersteig.

Ich finde ja, Angst ist etwas Normales. Nicht nur, weil uns der Körper „Vorsicht“ signalisiert, sondern weil wir dadurch immer wieder die Chance haben, aus uns herauszuwachsen. Wie gehst du mit so einer konkreten Angst um?

In meinem Leben habe ich bisher einige einschneidende angstauslösende Situationen erlebt. Nach der ersten Schreckphase werde ich in der Regel kreativ. Interessanterweise ist mir bisher immer eine Lösung eingefallen. Das war auch schon vor meiner Ausbildung zur SportMental-Coach so. Wenn es darauf ankommt, entwickele ich einen starken Überlebenswillen.

Meine Lieblingsgeschichte an dieser Stelle: Ich war vielleicht 13 Jahre. Bei einer Skitour an einem nebligen Tag zögerte ich beim Teilen der Gruppe zu lange. Von einer Sekunde auf die andere waren alle meine Leute weg. Ich stand mutterseelenallein in einer undurchsichtigen Suppe auf der Piste. Sichtweite 1,5 Meter. Keine Ahnung wo ich bin. Nur Stimmen in der Ferne hörte ich. Ich hatte Angst, quasi blind weiterzufahren, von der Piste abzukommen und damit zu riskieren, über einen Fels abzustürzen.

Ich weiß nicht mehr, was zuerst da war: die Wahrnehmung der Spuren im Schnee oder die Erinnerung an das Vorgehen der Fährtensucher in den Winnetou-Filmen. Wahrscheinlich war es ein Zusammenspiel aus beidem. Fest steht: Von einem auf den anderen Moment war klar, wie ich da wieder rauskomme – einfach den Skispuren im Schnee vor mir folgen. So habe ich es dann auch gemacht und mich Stück für Stück den Berg runter zur sicheren Station gehangelt.

Dieses Erlebnis habe ich heute über 40 Jahre immer noch vor Augen. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit hat mich für mein weiteres Leben enorm gestärkt.

 

Man hört ja sehr oft in Bezug auf Höhenangst: Geeeh, zier dich nicht so! Wie siehst du das? Kann man das, was einen stresst oder Angst macht einfach so einfach ignorieren, nach dem Motto: „Augen zu und durch?“

Können kann man vieles. Ob es Sinn macht, ist die Frage. Eine Angststelle irgendwie überstanden zu haben, ist zu kurz gesprungen. Wenn Du dauerhaft und nachhaltig lernen willst, mit Angst und Stress umzugehen, wenn Zuversicht wachsen soll, größer und größer werden soll und sich daraus Selbstvertrauen und Mut entwickeln sollen, dann braucht es einen freiwilligen und bewussten Umgang mit angstauslösenden Situationen. Wenn ich meine Angst ignoriere und übergehe, überlebe ich zwar, aber ich stelle mich damit quasi selbst an die Wand. Was im Kopf hängen bleibt, ist das Drama. Und das wird mit der Zeit nicht kleiner, sondern im Kopfkino immer größer und bedrohlicher.

Dazu kommt, dass Du Dich mit einem solchen Vorgehen noch zusätzlich in Gefahr begibst. Anspannung, Blockade, leerer Kopf, Tunnelblick sind nicht gerade der ideale Zustand, um Stellen am Berg zu meistern, die vollen Einsatzbereitschaft Deines Körpers und Deine ganze Aufmerksamkeit fordern.

Ein Kunde hat mir mal erzählt, wie er nach einer mehrstündigen, anstrengenden Bergtour an einer Stelle drohte stecken zu bleiben, weil ihn Höhenangst total blockierte. Er bewältigte die Situation nur noch mit totaler emotionaler Kapitulation: „Wenn ich hier jetzt abstürze, dann ist das dann halt so.“ Danach war für ihn klar: So was passiert mir nicht noch mal! Also ein ähnlicher Prozess wie bei mir. Er kam dann zu mir in den Kurs und ich habe ihm einen Weg gezeigt, wie er in Zukunft solche brenzligen Situationen freiwillig, bewusst und gleichzeitig respektvoll angehen kann.

Denn um Höhenangst wirklich in den Griff zu kriegen, brauchst Du unmittelbare emotionale Gewissheit: Ich kann das! Ich schaffe das!

Diese fühlbare Gewissheit erlangst Du, wenn Du selbstbestimmt, mit allen Sinnen wach und mental bewusst Herausforderungen meisterst und die Erfahrung machst: Hey, ich kann es tatsächlich!!!

„Wer die Angst überwinden will, muss selbst am Steuer sitzen.“
Dieses Zitat von  Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther trifft meiner Meinung den Kern in Bezug auf Umgang mit Angst ganz gut.

Ergänzen würde ich noch „…und wissen, was er tut.“   😉

Mutig sein, sich was zu trauen, das kennen wir ja alle aus anderen Lebensbereichen. Stichwort „Komfortzone“. Was ist deine Taktik, dich da heraus zu wagen?

Ich bin keine besonders heldenhafte Komfortzonen-Verlasserin. Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Aber zum Glück neugierig! Wagen heißt, etwas tun, wo Du nicht sicher bist, ob Du es schaffst. Wagen bedeutet für mich persönlich aber nicht: Kopf und Kragen zu riskieren. Meine Mut-Projekte sind immer begleitet von dem Gefühl: Du hast die Sache im Griff. Im Sinne von: Ich weiß mir im Fall der Fälle selbst zu helfen.

Meine Taktik ist, beim Schritt in unbekanntes Terrain immer für möglichst festen Boden unter den Füßen zu sorgen. Das heißt zum Beispiel, die Rahmenbedingungen so setzen, dass ich sie handhaben kann, Know How aneignen, gute Vorbereitung [Plan, Kondition] und Unterstützung durch andere Menschen holen.

Im Kletterjargon ausgedrückt: kein Freestyle, sondern immer mit Seil und Haken in die Wand.

Drei konkrete Beispiele:

Nach meiner Scheidung mit 27 Jahren stand ich da mit zwei kleinen Kindern und einer ungeliebten handwerklichen Ausbildung. Ich sah damals nur eine Chance langfristig auf eigene, solide Beine zu kommen: Lernen. Ich entschied mich für Abitur auf dem zweiten Bildungsweg in einem Tageskolleg und anschließendem Studium. Kolleg und Universität ließen sich zeitlich gut in den Alltag mit Kindern einbauen, die vormittags in der Kita bzw. später in der Schule waren. Auf diesem Weg bin ich finanziell frei geworden.

Vor einigen Jahren stand ich dann urplötzlich beruflich in der Sackgasse. Was will ich eigentlich? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, beschloss ich, auf Wanderschaft zu gehen. Kein Ausstieg, keine Weltreise, sondern Alleingänge in den Mittelgebirgen vor der Haustür. Der eigenen Nase nach. Mittwochs an meinem freien Tag. Diese Touren habe ich am Anfang sehr akribisch auf der Karte geplant: den Weg haarklein festgelegt, jeden Abzweig im Voraus entschieden, die Richtungszahl für den Kompass in kurzen Abständen gefixt. Diesem Plan bin ich dann unterwegs detailliert gefolgt. Inzwischen lege ich bei meinen Kreuz- und Quer-Wanderungen grob Startpunkt und Ziel fest, peile die Richtung in großen Zügen und marschiere einfach los. Eine echte Befreiung!

Meine eigene Höhenangst habe ich mangels Gratwegen im Rhein-Main-Gebiet mit dem Besteigen von Aussichtstürmen überwunden, die hier ja massig rumstehen. Nun wollte ich meine neuen Fähigkeiten natürlich auch auf einem Gratweg in den Alpen ausprobieren. Bei einem Urlaub in den Allgäuer Alpen war es dann so weit. Als mentales Geländer hatte ich mir eine Bergführerin an die Seite geholt. Vor Ort stellte sich dann heraus, dass ich den Weg durchaus auch alleine hätte gehen können. Diese tolle, gelingende Erfahrung hat mich so gestärkt! Ich weiß jetzt: Ich kann mit Tiefen und Höhen in den Bergen umgehen. Komme was das wolle! Deshalb kokettiere ich jetzt selbstbewusst mit dem Hindelanger Klettersteig [siehe oben]!  😉

Diese und andere Erfahrung gerade in den letzten 5 bis 6 Jahren beim Wandern in den Bergen haben mich gelehrt: Mut, Zuversicht und Selbstvertrauen sind nicht nichts, was Du hast oder nicht hast. Mut, Zuversicht und Selbstvertrauen sind lernbar.

Früher bekam ich oft zu hören: „Sei nicht so neugierig“! Heute weiß ich: Meine Neugierde, meine Wissbegierde waren es, die mich jedes Mal aus der Komfortzone gelockt haben und mich damit im Leben weitergebracht haben. Neugierde ist ein starker Antrieb. Und ich bin dankbar, dass ich damit von Geburt an recht großzügig ausgestattet bin. Meiner Neugierde habe ich zu verdanken, was ich heute bin.

Heike, womit könnte ich dich, zusammen mit mir auf einen Klettersteig locken?“

Wann hast Du Zeit dafür?   🙂

Heidi: Na, dann planen wir mal gleich für dieses Jahr!
Vielen Dank für deine Offenheit und dein entgegengebrachtes Vertrauen!

 

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